Die beeindruckende Geschichte der Bristol Rovers

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„Und ich denke bis heute mit Stolz und Gänsehaut an das Aufstiegsspiel zur 3. Liga im Wembley Stadium gegen Shrewsbury Town zurück, als ich einer von rund 40.000 Rovers-Fans war, der den altehrwürdigen Fußball-Tempel mit dem schönsten aller Fußball-Lieder füllte“ – das schrieb Autor Hardy Grüne, als sein englischer Herzensverein vor fünf Jahren das 60-jährige Hynmen-Jubiläum feierte. Die Rede ist von den Bristol Rovers, die als durchwegs unterklassig spielende Mannschaft immer wieder zigtausende Fans mobilisieren – und Geschichten der besonderen Art schreiben. Ein Einblick.

Von Arabern zu Piraten

1883 ist das stolze Gründungsjahr der Bristol Rovers, die in den Anfängen mehr oder minder eine Kopie der ortsässigen Rugbymannschaft war, der Arabs. The Black Arabs, auf diesen Namen wurde dann die Fußballmannschaft getauft – über Eastville Rovers und Bristol Eastville Rovers entstand dann der heutige Name Bristol Rovers. Im Gegensatz zum Erzrivalen Bristol City gelten die Rovers laut Grüne als „dreckiger Underdog“.

Rovers, das heißt Piraten, die einerseits das Flair der englischen Hafenstadt repräsentieren, andererseits aber auch für Widerstand und Rebellion stehen. City = Städter, Rovers = Arbeiter. Es klingt fast schon pittoresk: Südlich des Flusses Severn ist City in der Farbe rot angesiedelt, nördlich davon die Rovers in blau. Eine Bilderbuchfeindschaft.


Nach langem hin und her zwischen dritter und zweiter Liga gelten die 50er Jahre als die erfolgreichsten in der Geschichte der Rovers. Während dieser Zeit agierte man nach dem „No buy, no sell“-Prinzip: Es wurde also ausschließlich mit eigenen Spielern angetreten. Bezeichnend für diese Zeit war der englische Nationalspieler Geoff Bradford, der für Rovers ganze 462 Spiele machte, in denen er 242 Mal einnetzte. Mehrmals schrammte man am Aufstieg in die Erstklassigkeit nur knapp vorbei. Später spielte dann auch der 2007 verstorbene, 72-fache englische Nationalspieler Alan Ball für Bristol.

In der jüngeren Vergangenheit haben sich die Bemühungen aber nochmal um zwei Ligen nach unten verschoben. Nach dem von 40.000 Rovers-Fans frenetisch bejubeltem Aufstieg in die Drittklassigkeit über die Play-Offs in Wembley (siehe Eingangszitat) musste man in der Saison 14/15 nach einigen Rückschlägen fünftklassig antreten. Doch wer glaubte, die Rovers wären tot, irrte sich gewaltig.

Über die Play-Off-Hürde Forest Green fand man sich im Mai dieses Jahres nach einer sensationellen Saison erneut im Wembley Stadium wieder, wo das Ticket für die vierte Liga gelöst werden konnte. Nach einer spannenden Partie vor sagenhaften 47.029 Zuschauern (davon 30.000 Bristol-Anhänger) siegten die Rovers im Elfmeterschießen gegen Grimsby Town.

Fast 50.000 Zuschauer beim Aufsstiegsduell um die vierte Liga – für einen deutschen Fußballfan schier unglaublich. Aus der 5. Liga vor 50.000 in die Vierte.

Gaswerke und Gassenhauer

Was ist es, das diesen Verein so auszeichnet, was diese Menschenmengen mobilisiert, was dem mittlerweile abgedroschenem Spruch „Liebe kennt keine Liga“ endlich wieder seine wahre Bedeutung wiedergibt?

Es sind die kleinen, feinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. Die Rovers haben unzählige Geschichten geschrieben, zwei haben nachhaltige Wirkung erzielt: Zum einen wäre da diese Sache mit dem uralten Pop-Song – Goodnight Irene – der auf den ersten Anschein rein garnichts mit Fußball zu tun hat. Bei einem Spiel vor 65 Jahren, das bereits verloren schien, stimmten die Fans in den Schlussminuten zufällig dieses Lied an – und das Team drehte das Spiel noch. Das war die Geburttstunde der charakteristischen Vereinshymnen, die somit älter ist als Liverpools legendäres „You’ll Never Walk Alone“.

Der abgeänderte Text lautet:

We’re Rovers supporters
We’re faithful and true
We always follow
The boys in blue (and white!)
We all made a promise
That we’ll never part
Goodnight Irene I’ll see you in my dreams
Irene Goodnight Irene, Irene Goodnight
Goodnight Irene, Goodnight Irene, I’ll see you in my dreams!

Hardy Grüne trifft in seinem Blog folgende überaus passende Erkenntnis: „Inhaltlich hat der Song mit Fußball nichts zu tun. Oder vielleicht auch doch, denn es geht um die Liebe eines Mannes zu einer gewissen Irene, die wenige Höhen und viele Tiefen durchmacht – und das wiederum hat durchaus Ähnlichkeiten mit der nicht immer ganz so glorreichen Historie meiner „Gas“.“

Gas? Ja, richtig gelesen. Denn das ist die zweite Geschichte, die mittlerweile ein absoltes Bristol-Rovers-Charakteristikum konstruiert hat. Als die Mannschaft noch im Eastville-Stadium spielte, welches an die städtischen Gaswerke grenzte, spotteten gegnerische Fans dem Heimteam ob dem daraus resultierendem Gasgeruch, der das Rund des Stadions stets füllte. Doch die Heimfans griffen dies auf und nannten sich fortan „The Gasheads“ und feuerten ihr Team mit „Come on, the Gas!“ an. Mittlerweile existiert diese Redewendung im Standard-Repertoire eines jeden Gashead.


Weiter nach oben?

Aber wie geht es jetzt weiter mit den Bristol Rovers, die in ihrer Historie ja schon druchaus erfolgreichere Zeiten erlebten? Die Vereinsführung arbeitet jedenfalls fieberhaft an einer professionellen, erfolgreichen sportlichen Zukunft des Vereins. In der Bristol Post heißt es jüngts, dass Manager Darrell Clarke keine „hasty decisions“ treffen wolle – schließlich liegt die Kraft bekanntermaßen in der Ruhe.

Drei Erfolge auf dem Transfermarkt konnte er indes schon landen: Die kolumbianische Offensivkraft Cristian Montano sowie der Defensivspezialist James Clarke verschrieben sich den Piraten. Außerdem konnte der zuletzt nur ausgeliehende Chris Lines fest verpflichtet werden. Für die Gasheads ein besonderer Coup: Denn Lines ist ein Eigengwächs der Piraten, kommt nun über die Stationen Sheffield Wednesday und Port Vale fest zurück.

Ein anderer wichtiger Schritt war die Vertragsverlängerung mit Scott Sinclair, den Grüne als „dickbärtiges Kampfschwein“ bezeichnet – diese Bezeichung wird ihre Berechtigung haben. Andere Größen im Kader sind Elliot Harrison und Matty Taylor, zwei wichtige Offensive, die jedoch umgarnt sind und deren Verbleib noch nicht gewiss ist. Jermaine Easter, der letzte Saison als erfolgsversprechender Neuzugang geholt wurde, war lange verletzt, kann in der kommenden Spielzeit aber sein Können unter Beweis stellen.

Festzuhalten ist, dass der Aufstieg enorm wichtig war und den Weg noch weiter nach oben ebnen soll. Die Rivalen jenseits des Severn spielen mittlerweile nämlich in der zweiten Liga, der Championship, und sind dementsprechend ein wenig enteilt. Das dies fantechnisch nicht so ist, zeigte erwähntes Play-Off-Spiel in Wembley.

Doch wo so viele Fans sind, wird ein solides Stadion gebraucht. Und hier liegt derzeit das größte Problem: Denn das Memorial Stadium, in dem die Pirates derzeit spielen, reicht nicht aus für höherklassigen Fußball und wurde deshalb für 30 Millionen Pfund an die Unternehmenskette Sainsbury’s verkauft. Diese Einnahmen sollen in ein neues Stadion investiert werden, welches gemeinsam mit der University of West England realisiert werden soll.

Doch Sainsbury’s verweigerte die Erfüllung des Vertrags, und die Angelegenheit landete vor Gericht, wo sie auch immer noch ist. Am wahrscheinlichsten scheint es derzeit, dass sich Sainsbury’s aus dem Vertrag freikauft und die Rovers von diesem Geld den Umbau des Memorial Stadiums beginnen. Doch noch steht das in den Sternen.

Man darf gespannt sein auf den Werdegang der Bristol Rovers. Am Ende dieses Einblicks bleibt nur noch zu sagen: Chapeau, Gasheads! Ihr habt es geschafft, die Faszination bis nach Deutschland zu tragen. Good luck for the future! Goodnight Irene.


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