Hannover 96 ohne Fans?

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Dass bei einem Spiel der 1. Bundesliga ein Gästeblock fast komplett leer bleibt, ist sehr ungewöhnlich. Beim Gastspiel von Hannover 96 in Mainz, war das jedoch der Fall. Stattdessen unterstützen derzeit mehrere hundert mitgereiste 96-Fans ihre zweite Mannschaft bei Auswärtsspielen in der Regionalliga. Der große Einsatz der Anhänger ist die Folge eines langen Konfliktes zwischen Ultras und Verein, welcher am Ende der letzten Saison seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

Wie aber konnte es soweit kommen, dass sich die Fronten beider Parteien dermaßen verhärten? Wie konnte es soweit kommen, dass sich die Ultra-Gruppierung, für welche die Unterstützung der Mannschaft mehr als alles andere im Mittelpunkt steht, sich mit der eigenen Profi-Mannschaft bricht und stattdessen die Amateurmannschaft in der Regionalliga unterstützt?

Seit der Saison 2012/13 nahmen die Dinge ihren Lauf: Zuerst war es eine Fahne, auf der der Massenmörder Fritz Haarmann abgebildet war, welche von Klub-Präsident Martin Kind in der Kurve verboten wurde. Die 96-Fans reagierten mit Unverständnis und präsentierten weiterhin den Banner in ihrem Block. Der Verein reagierte mit Stadionverboten, welche nur schwer von den Anhängern des Klubs akzeptiert wurden. Ihren Unmut schilderten sie in einem Flyer, der im Stadion verteilt werden sollte. Dieser wurde jedoch ebenfalls vom Verein untersagt. Es war nur ein Vorfall von vielen, bei dem die Fronten aneinander gerieten.


Feindbild Martin Kind

Präsident Martin Kind steht schon lange für eine Art „Feindbild“ der Ultras. Nachdem einige Fans Kritik an einem Spielerwechsel äußerten, machte sich der 70-Jährige mit Sätzen wie: „Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher“ unbeliebt. Ein weiteres Thema, welches in den letzten Jahren immer wieder großgeschrieben wurde, war die Verwendung von Pyrotechnik. Nachdem die Ultras Bengalos im Europa-League-Spiel gegen Anzhi im eigenen Stadion zündeten, erhöhte der Verein die Ticketpreise in bestimmten Bereichen des Stadions, um die Fans für dieses „Vergehen“ zu bestrafen.

Die Reaktion war schockierend, denn kurz darauf äußerten die Ultras eine mutige Behauptung, die Martin Kind ins Abseits der Fußball-Bundesliga hätte stellen können: Man hätte sich mit Kind darauf geeinigt, wie oft pro Saison Pyrotechnik in den Stadien verwendet werden darf, ohne mit Konsequenzen des eigenen Vereins rechnen zu müssen. Martin Kind dementierte dieses Statement. Die Antwort der Ultras: „Dementi = Demenz? Martin, du wirst alt!“

Feindbild Ultras Hannover

Immer wieder kamen kleine Episoden zusammen, bis sich die Uneinigkeiten beider Seiten zu einem heftigen Streit entfachten. Lügen, Gerüchte und Unstimmigkeiten – das Tischtuch war endgültig gerissen. Kompromisse und Gespräche waren nicht in Sicht, Martin Kind versuchte den Ultras ihre geliebte „Fußballkultur“ zu untersagen. Die Ultras entwickelten sich schon fast zu einer Art Feind des Vereins. Die Fans fühlten sich nicht akzeptiert. Es gab keine Rückendeckung vom eigenen Klub. Haben es die Treusten wirklich verdient, nach all dem was sie für die Mannschaft getan haben, so behandelt zu werden?

Lange Fahrten bis zu Auswärtsspielen, finanzielle Investitionen in die Unterstützung der Mannschaft, viel Aufwand und geopferte Zeit für Hannover 96 – das lässt sich wohl ganz einfach mit dem Wort „Vereinsliebe“ beschreiben. Während die Fans anderer Klubs die volle Rückendeckung und Unterstützung des eigenen Vereinsvorstands bekommen, passiert in Hannover genau das Gegenteil. Die Fans werden abgestoßen und müssen vergeblich auf die gewünschte Akzeptanz warten.

Die Derbys bringen das Fass zum Überlaufen

In der letzten Saison ging Präsident Kind einen Schritt auf die Ultras zu und erlaubte ihnen, eine Choreographie im Derby gegen Eintracht Braunschweig durchzuführen. Einige 96-Anhänger nutzten dies jedoch aus und schmuggelten Pyrotechnik ins Stadion. Das Ende vom Lied war wieder einmal eine hohe Geldstrafe für den Verein. Hannover 96 zog die Konsequenzen: Vor dem Rückspiel bei Erzrivale Eintracht Braunschweig, verbot der Verein seinen Anhängern die eigene Anreise zum Auswärtsspiel. Die Fans wurde dazu gezwungen, mit organisierten Bussen anzureisen, um Ausschreitungen und Konfrontationen mit gegnerischen Fans zu verhindern.

Mehrere Vereinsanhänger gingen vor Gericht und klagten gegen das Sicherheitskonzept von Verein und Polizei – elf Personen bekamen Recht und konnten individuell zum Spiel anreisen. Die Partie gegen Braunschweig ging mit 0:3 verloren.

Der herzlose Auftritt im Derby war nur den Gipfel des Eisberges. Deutlich schwerer im Magen liegt uns die Behandlung der Fanszene seitens der Verantwortlichen von “Hannover 96″. Nicht nur, dass die erzwungene Busanreise nicht mit unserer Vorstellung von Handlungs- und Reisefreiheit vereinbar ist, sondern auch das Gefühl, die Verantwortlichen wollen die eigenen Fans gar nicht erst dabei haben, lässt bei zu vielen die Lust schwinden. – Ultras Hannover

Die Folge kam nicht überraschend: In den letzten Spielen der vergangenen Saison stellte die organisierte Fanszene ihren Support im Stadion komplett ein. Sie war zwar anwesend, unterstützte ihre Mannschaft jedoch nicht mehr. Zudem bekamen die Ultras viel Druck und Kritik anderer Fans im Stadion. Die „Ultras-raus“ Rufe wurden immer lauter. Die Kritik an Martin Kind wurde von vielen nicht verstanden, was letztendlich auch ein Zeichen dafür war, dass der Konflikt beider Seiten im Dunkeln blieb. Immer wieder flogen Bierbecher in Richtung des Ultra-Blockes, welcher bis dahin als Herzstück der Spielstätte von Hannover 96 galt.

Sponsoren statt treuer Fans

Von nun an entschlossen sich die Fans, in der Regionalliga bei Spielen ihrer Amateure für Stimmung zu sorgen. Bei Heimspielen der Profimannschaft, dürfte die Unterstützung ihrer treusten Anhänger schon jetzt fehlen. Allen Beteiligten war klar, dass die Situation zwischen Fans und Verein so nicht weitergehen konnte – die Ultras zogen letztendlich die Notbremse. Ohne Kommunikation, Kompromisse und ehrliche Gespräche ist es nicht verwunderlich, dass schlussendlich keine Einigung erzielt werden konnte.

So zu tun, als wäre nichts gewesen, ist uns aber schlicht nicht möglich. Zu oft wurde uns und allen anderen Beteiligten in den letzten Wochen vor Augen geführt, wie wenig Verständnis ‚Hannover 96‘ für seine Fans hat. – Ultras Hannover

Aufgrund des Boykotts in der Fankurve der 96-Fans, wo unter anderem die Ultras Hannover zu Hause waren, wurden 800 bis 1000 Dauerkarten nicht verlängert. Die freigewordenen Tickets gehen zum Teil in den freien Verkauf. Andere werden an Mitarbeiter von Sponsoren abgegeben.

Letztendlich stellt man sich die Frage, sollten Ultras ihre Mannschaft nicht bedingungslos unterstützten, egal welche Konflikte es gibt? Den Boykott kann man jedoch in diesem Falle sehr gut nachvollziehen. Respektlosigkeit, fehlende Kommunikation und Egalisierung des eigenen Vereins, ist sicherlich ein Grund, um den Support für den geliebten Klub bis auf Weiteres einzustellen.


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