Steht Gladbach vor dem Abstieg?

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Die Bundesliga-Hinrunde hatte einiges zu bieten: Die Bayern-Dominanz scheint (trotz Tabellenführung) gebrochen. Dortmund und Gladbach hingegen bleiben hinter den Erwartungen zurück, die Fohlen könnten sogar im Abstiegskampf enden. In der 3. Liga steht währenddessen der SC Paderborn vor dem Zerfall. Unsere Autoren haben ihren Standpunkt zu vier gewagten Thesen abgegeben.

Gebrochene Bayern-Dominanz

„Meister im März? Das war gestern. Dieses Jahr steht uns ein spannendes Saisonfinale bevor!“

Philip: Böse Zungen behaupten, Carlo Ancelotti hätte sich nur für drei Jahre beim FC Bayern verpflichtet, um endlich mal beständig eine Liga zu dominieren. Bei seinen bisherigen Stationen hatte dies eher weniger gut geklappt. Drei Meistertitel in 17 Jahren als Trainer von europäischen Spitzenteams sprechen für sich. Und was ist jetzt? Jetzt belästigt ihn RB Leipzig bei diesem Vorhaben. Welch Frechheit! Noch dazu ein Aufsteiger. Welch Unverfrorenheit!

Doch Carlo, ich kann dich beruhigen. Solang der FC Bayern auch an einem ausgesprochen schlechten Tag bei Darmstadt gewinnt, werdet ihr deutscher Meister. Die individuelle Klasse spricht für euch.


Und auch nicht Leipzig wird euch in der Rückrunde das Leben schwer machen, sondern Hoffenheim. Dort hat man nämlich endlich einen legitimen Nachfolger für Ralf Rangnick gefunden. Vielleicht öffnet ein gewisser Software-Milliardär im Winter seinen Geldbeutel und ermöglicht Julian Nagelsmann eine punktuelle Verstärkung seiner Mannschaft.

Meister werdet ihr im Mai. Feiern könnt ihr das leider nicht. Denn später im Mai steht noch das Pokalfinale gegen den TSV 1860 München (man wird ja wohl noch träumen dürfen!) und das Champions-League-Finale an. Mit dem Gewinn des letzteren Wettbewerbs kennst du dich ja vortrefflich aus.

Florian: Die Performance der Bayern bis hierhin lässt definitiv nicht darauf schließen, dass der Titel bereits im März vergeben ist. Ancelottis Elf wird bis zum Ende mit RB um den Titel kämpfen müssen. Aus der „Verfolger-Gruppe“ traue ich es am ehesten noch der TSG aus Hoffenheim zu, ins Titelrennen einzugreifen.

Ansonsten fokussiert sich die Titelvergabe diesen Jahres auf den Zweikampf zwischen Leipzig und München, womit die Liga auch am vorletzten Spieltag entschieden werden kann, wenn es zum Rückspiel der beiden Spitzenteams in Leipzig kommt.

Das Hinspiel würde ich nicht unbedingt als Maßstab für Bayerns Leistungen in der Rückrunde nehmen. Denn waren solche Spiele unter Guardiola noch die Norm, war der 3:0-Erfolg der Münchener am letzten Spieltag die mit Abstand beste Leistung der Saison. Die Rückrunde wird mit den K.O.-Spielen des DFB-Pokals und der Champions League sowieso deutlich intensiver als die Hinrunde.

All diese Sorgen hat RB nicht. Und dass die Leipziger einbrechen weil sich gegnerische Teams in der Rückrunde anders verhalten, ist auf Grund der taktischen Flexibilität der Hasenhüttl-Truppe schwer vorstellbar. Es sieht also alles danach aus als könnte sich der gemeine Bundesliga-Fan auf einen spannenden Endspurt einstellen, bei dem sich erst am Schluss entscheidet, wer die Schale in die Höhe recken darf. Die Bayern werden es nicht.

Stefan: Die Bayern sind nach wie vor die unangefochtene Nummer 1 in Deutschland. Glücklicherweise haben sie dieses Jahr schon das ein oder andere Mal geschwächelt, sodass es in der Hinrunde zumindest ein wenig Spannung gab. Der Trainerwechsel und die damit einhergehenden Umstellungen bereiten den Spielern immer wieder Schwierigkeiten.

Doch wenn der FCB ernst macht, haben deren Gegner kaum was zu melden, wie die Leipziger neulich in der Allianz Arena schmerzlich feststellen mussten. Obwohl ich mir einen aufregenden Wettkampf bis zum letzten Spieltag wünschen würde, fehlt mir dafür das Vorstellungsvermögen. Ich glaube, dass die Münchner sich mit sechs bis acht Punkten abheben und damit schon ein paar Wochen im Voraus den Titel holen werden.

Krisenstimmung in Paderborn

„Abstieg ist nur einmal im Jahr! Der SC Paderborn wird bis in die Regionalliga durchgereicht.“

Florian: Was da in Paderborn passiert, ist schon sehr kurios. Umso größer erscheint im Nachhinein die Leistung André Breitenreiters. Nach einem Urlaubsjahr Bundesliga folgte der Absturz mit einigen interessanten Randnotizen – wie der Effenberg-Ära – die wohl dazu führt, dass der ehemalige Sky-Experte nie wieder einen Trainerjob angeboten bekommt. Wie man sah, ja auch nicht ganz unberechtigt.

Ansonsten bleibt eben festzuhalten, dass in Paderborn momentan alles schief läuft, was schief laufen kann. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung wäre der erneute Abstieg, gleichbedeutend mit dem Abschied vom Profifußball.

Stefan: Für mich ist der Niedergang des SC Paderborn unfassbar. Wie man binnen so weniger Jahre sich derartig schnell sportlich verbessern kann, um sich noch schneller unvergleichlich rabiat zu verschlechtern, ist mir unerklärlich.

Ähnlich wie in Darmstadt, Braunschweig, Augsburg und weiteren Städten, war es in Paderborn plötzlich möglich, sich mit ganz geringen Mitteln in der Fußballelite zu etablieren. Es ist äußerst schade, dass die Erfolgsgeschichte ein derart rabiates Ende genommen hat. Zumindest konnten die Paderborner mittlerweile etwas Luft nach unten schaffen. Ich denke, sie werden die Rekordkatastrophe verhindern können.

Philip: Liebe Damenwelt: Ja, wir Männer sind hübsche Rätsel. Schnulzen lassen uns (äußerlich) kalt. Und wenn unser Verein verliert, sind wir den Tränen nahe. Doch es gibt einfache Zeichen, die einem mehr über den Gemütszustand eines Mannes sagen. Trinkt ein Mann warmes Bier, so muss er dringend etwas verdrängen.

Beobachten durfte ich dieses Verhalten beispielsweise nach dem Spiel Jahn Regensburg gegen den SC Paderborn. Paderborn wurde von den Oberpfälzern eine ordentliche Lehrstunde erteilt. Später im Zug nach München teilte ich das Abteil mit einem Paderborner. Als der Bahn-Mitarbeiter ihm ein warmes Bier anbot, orderte der Ostwestfale gleich mehrere.

Der arme Kerl hatte allen Grund dazu. Vor noch nicht einmal zwei Jahren war sein Verein Tabellenführer der ersten Liga gewesen. Und jetzt Abstiegskampf in der dritten Liga? Wie soll eine arme Männer-Seele das verkraften?

Doch wie konnte es soweit kommen? Wie so oft sind Querelen in der Führungsebene schuld. Eine Mannschaft braucht ein ruhiges Umfeld, um zu funktionieren. Eine Erkenntnis, die vielen Vereinen gut tun würde. Auch die spektakuläre Verpflichtung von Stefan Effenberg war im Nachhinein eher kontraproduktiv. Es scheint als hätte man sich einfach in allen Belangen überhoben.

Es ist davon auszugehen, dass Paderborn tatsächlich in die Viertklassigkeit abstürzt. Zu groß die Unruhe. Zu klein das Aufbäumen der Mannschaft auf dem Platz. Eventuell ein heilender Einschnitt. Der Verein muss zur Ruhe kommen. Das würde fernab vom großen Medienrummel hervorragend funktionieren.

Gladbach im Abstiegskampf

„Too big to fail? Borussia Mönchengladbach steigt ab!“

Stefan: Eine der größten Enttäuschungen während dieser Spielzeit ist zweifelsohne die Fohlenelf. Die Mannschaft wirkt so verunsichert und orientierungslos, dass ich befürchte, sie wird noch tiefer in den Abstiegskampf geraten.

Hinsichtlich der Trainerentlassung bin ich mir sehr unsicher, ob das eine gute Entscheidung war. Schließlich hat Schubert die Mannschaft letztes Jahr sehr weit gebracht und vermutlich wäre, ihm Vertrauen zu schenken, eine nachhaltigere Lösung gewesen.

Dieter Hecking ist zwar ein super Mann, der Drucksitutaionen gut kennt, doch er wird ähnliche Probleme haben wie sein Vorgänger. Die Doppelbelastung aufgrund des europäischen Wettbewerbs macht nichts leichter. Für den Klassenerhalt wird es jedoch reichen.

Philip: Wenn ein Trainer entlassen wird, läuft das meist mit viel Lärm ab. Medien, Fans und auch Vereinsverantwortliche machen ihrem Ärger Luft. Selten äußert sich der entlassene Trainer negativ über den Ex-Verein. Und noch seltener äußert sich der Ex-Trainer in einem vom Verein produzierten Video explizit positiv über seine Entlassung. André Schubert hat dies getan. Ihm gebührt hierfür Respekt.

André Schubert hat der Liga gut getan. Ein ehrlicher Charakter. Ein einfühlsamer Pädagoge. Gladbach schien er irgendwann nicht mehr gut zu tun. Eine Entfremdung von Mannschaft und Trainer, die sich wohl schon seit Beginn seiner Tätigkeit anbahnte. Schubert war gefühlt ewig nur Platzhalter. Ihm haftete immer dieses Image an.

Nun also Dieter Hecking. Dieser hat in Wolfsburg bewiesen, dass er Erfolg keineswegs konstant liefern kann. Platz 2 in der Saison 2014/15 und Abstiegskampf im Jahr darauf. Die Gladbacher bräuchten einen Trainer, der für Konstanz steht.

Am Ende wird sich die individuelle Klasse der Borussia durchsetzen. Gewiss ist dies jedoch nicht. Mönchengladbach hält die Klasse um Haaresbreite. Sollte sich Max Eberl nicht nach München verabschieden, gilt es aus Fehlern – beispielsweise dem Umgang mit Alvaro Dominguez – zu lernen.

Florian: Die Verpflichtung Dieter Heckings war wohl ein großer Fehler. Der befindet sich jetzt in exakt der selben Situation wie mit dem VfL. Klub mit ähnlichen Ambitionen, ähnlicher Tabellenplatz. Ähnliches Ergebnis? Ich denke schon.

Gladbachs Kader ist an sich viel zu gut um abzusteigen, deshalb werden sie das auch irgendwie zu verhindern wissen. Es ist jedoch sehr gut möglich, dass die Borussen noch einen dritten Trainer benötigen, falls Hecking eben keinen nennenswerten Effekt erzielen kann, und irgendwann wieder gehen muss.

Im Bezug auf das großem Ganze muss man sich derzeit sorgen machen um die Gladbacher. In der Rückrunde geht es gegen den Abstieg und im Sommer verliert man eventuell mit Max Eberl den Architekten des Erfolgs der vergangen Jahre. Gladbach muss alles daran setzen, in der Rückrunde den Abstieg zu vermeiden, und in der nächsten Saison endlich mal wieder eine solide, ruhige Bundesliga-Saison zu spielen.

Champions League ohne Dortmund

„Nächste Saison nur nach Dundalk und Tel Aviv? Die Champions League wird auf den BVB verzichten müssen.“

Philip: Pleiten, Pech und Pannen am Borsig-Platz. Wenn ein Spieler der Borussen ausfällt, dann lange: Knapp 38 Tage im Durchschnitt. Bestes Beispiel ist Marco Reus. Der Kapitän der Schwarz-Gelben kämpft seit Jahren mit hartnäckigen Verletzungen.

Doch nicht nur körperlich bedingte Ausfälle dürften den BVB auch in der Rückrunde belasten. Auch der Afrika-Cup könnte die Europapokal-Ambitionen der Westfalen beeinträchtigen. Der stolze Gabuner Aubameyang vertritt dort sein Land. Damit fehlt er dem BVB zu Beginn der Rückrunde. Ein klarer Nachteil für die Schwarz-Gelben.

Doch der BVB kann Rückrunde. Das konnte man in Jürgen Klopps letzter Saison bestaunen. Der BVB wird sicher im Europapokal vertreten sein.

Florian: Diese latente Unzufriedenheit der Dortmunder Anhänger hat mich doch sehr überrascht. Der größte Umbruch seit Jahren förderte viele Spieler zu Tage, die sehr jung sind und die Bundesliga bis hierhin kaum oder gar nicht kannten. Da erwartet der gemeine Fan dann also wirklich die dem BVB in den letzten Jahren zugeschriebene Bayern-Verfolger Rolle? Mit Bartra, Rode und Götze statt Hummels, Gündogan und Mkhitaryan?

Der BVB sollte sich viel eher über eine extrem interessante Mannschaft freuen, die jeden Tag eine Menge dazu lernt. Bei dem riesigen Potential der Spieler kann es gar nicht anders kommen, als dass dieses Team in den nächsten zwei, drei Jahren wieder zur absoluten Spitze der Bundesliga-Teams zählt.

Geduld ist das Gebot der Stunde. Dass die schwer fällt, ist verständlich und wahrscheinlich gibt es momentan in Dortmund auch genug Leute die pfeifen oder ihren Frust ins Internet schleudern, weil sie einfach mit der Personalie Tuchel nicht zurechtkommen und genau dieser gerade angreifbar ist.

Am Ende des Tages spielt der BVB auf jeden Fall international. Und dann muss im Sommer mit allen Mitteln daran gearbeitet werden, die jungen Spieler wie Dembélé und Weigl zu halten und Aubameyang (so er denn geht) ordentlich zu ersetzen. Wenn das gelingt steht der BVB schon sehr bald wieder dort, wo er sich selbst sieht und die Fans ihn gerne hätten: In unmittelbarer Konkurrenz zu den Bayern.

Stefan: Vom BVB hätte ich deutlich mehr erwartet dieses Jahr. Neben dem Verletzungspech ist es wohl auch die Unerfahrenheit der vielen jungen Akteure, welche die Ursache für die ernüchternde Hinrunde ist. Ehemals sagenhafte Spieler, wie Schürrle oder Götze, haben es bis jetzt nicht mehr geschafft, auf ihre weit zurückliegende Bestform zu kommen.

Genau das hätte ich mir erhofft. Gerade da Schürrle vom Trainer so stark begehrt war, dass Dortmund eine riesige Ablösesumme bereit war zu zahlen, hätte ich mir ihn in der Verfassung wie damals in Mainz gewünscht.

Die Champions League zu erreichen, wird daher ein sehr schwieriges Unterfangen werden in dieser Spielzeit. Dennoch glaube ich, dass Thomas Tuchel mit seinen Jungs am Ende auf Platz 4 steht.


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