Der FC Bayern und seine westliche Ignoranz

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Trainingslager im Winter waren schon immer etwas besonderes. Viele Fans hängen an der Vorstellung, die Sonne in südlicheren Gefilden würde fußballerische Unzulänglichkeiten ausmerzen und aus einem sicheren Absteiger einen Europapokal-Aspiranten machen. Klappt ja manchmal auch. Ok, klappt selten. Na gut, hat wohl noch nie funktioniert. Ein Kommentar von Philip Hell.

Trainingslager waren also immer ein Ort der Hoffnung. Ein durchweg positiv konnotierter Begriff. Doch manche Vereine arbeiten mit Hochdruck daran, aus dem Begriff „Trainingslager“ ein Synonym für westliche Ignoranz zu machen.

Beispielsweise der FC Bayern mit seinem Trainingslager in Doha. Wer in einem Land trainiert, und somit die Gastfreundschaft eines unterdrückerischen Machtapparates ausnutzt, macht sich des Missbrauchs am Menschen mitschuldig.


Die Zustände in Katar

Katar ist kein freies Land. Zu diesem Schluss kommt die amerikanische NGO „Freedom House“. Geht man die einzelnen Missstände durch, kann man auch nicht zu einem anderen Ergebnis kommen. Die Herrscher der Erbmonarchie Al Thani lassen keinerlei politische Parteien zu. Das erstickt eine organisierte politische Opposition im Keim.

Auch persönliche Freiheiten sind eingeschränkt. Homosexualität ist verboten und wird mit Haftstrafen „sanktioniert“. Vergewaltigungen sind zwar verboten, zeigt eine Frau jedoch ihren Peiniger an, so kann sie wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs belangt werden.

In Katar leben zurzeit knapp 2,3 Millionen Menschen. Davon sind 1,84 Millionen Ausländer, die zumeist unter widrigsten Bedingungen für den Wachstum Katars schuften. Der britische Guardian bezeichnet die Zustände auf den Baustellen der WM mit dem Begriff „Sklaverei“ und berichtet von fast täglichen Todesfällen.

Der deutsche Fußball-Adel sieht das anders. Der „Kaiser“ Franz Beckenbauer mag gar keine Sklaven gesehen haben, und für den Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern sind die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in Katar „das Pflegen einer anderen Kultur“.

Des Weiteren ist Rummenigge der Ansicht, dass ein Trainingslager „keine politische Äußerung“ ist. Dieses Zitat zeigt zweierlei: Rummenigge und der FC Bayern wissen um die Missstände und sie sind ihnen vollkommen egal.

Warum fährt der FC Bayern Jahr für Jahr nach Doha?

Der FC Bayern fährt nach Doha, nicht nach Katar. Katar hört sich nach nepalesischen Wandersklaven und geldgeilen Scheichs an. Doha nach kosmopolitischer Stadt von Bedeutung.

Stellt sich nun die Frage: Warum setzen sich die Bayern einem solchen medialen Aufschrei seit Jahren aus? Weil es in Doha so schön sonnig ist? Stimmt. Gilt aber auch für Spanien oder Portugal. Weil halb Doha sich Samstags um halb vier ansieht, wie der FC Bayern einen dahergelaufenen Bundesligaverein ohne wenn und aber zermalmt? Wohl kaum.

Die Zielgruppe des FC Bayern ist in Doha so verschwindend gering, dass man kaum ernsthaft davon sprechen kann, mit einem Trainingslager auf der arabischen Halbinsel Fanpflege zu betreiben.

Auch das Argument, der FC Bayern könnte mit seinem Besuch den Machthabern westliche Werte näherbringen, lässt sich recht einfach widerlegen. Seit Jahren fahren die Bayern nach Doha, seit Jahren tut sich nichts. Welch selbstherrliche Scheinheiligkeit.

Die wahren Gründe des FC Bayern für die Vorbereitung in Katar sind finanzieller Natur. Die Münchner bekommen einen Teil ihrer Gelder aus dem Emirat, mehrere Millionen Euro vom Flughafen Dohas. Dieser ist eng mit der herrschenden Klasse Katars verwoben. Grund genug, an diesem einmal jährlich präsent zu sein.

Die Besuche des FC Bayern in Doha müssen ein Ende finden

Wer in scheinbar guter Absicht nach Katar fährt, und vorgibt, dort „missionierend““ tätig werden zu wollen, jedoch kaum durch gesellschaftspolitische Äußerungen auffällt, und für den Besuch noch Gelder erhält, der rechtfertigt die Ausbeutung von Menschen.

Die Besuche des FC Bayern müssen alsbald ein Ende finden. Selbes gilt für den Hamburger SV. Vorbereitung unter der Sonne des Südens ist vollkommen legitim, man darf dabei jedoch nicht gegen grundlegende westliche Prinzipien verstoßen.


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