An den besten Fußballer aller Zeiten

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Vor 15 Jahren bestritt Lionel Messi sein erstes Spiel für ein Jugendteam des FC Barcelona, in dem er fünf Tore erzielte. Zwischen 2009 und 2012 wurde er vier Mal zum weltbesten Fußballer des Jahres gewählt. Dazu kommen sieben spanische Meisterschaften und vier Champions-League-Titel. Heute ist „La Pulga“ eine lebende Legende und schießt seit Jahren alles kurz und klein. Allerhöchste Zeit für eine Lobpreisung.

Lieber Leo,

seit 15 Jahren spielst du nun für Barca. Oft wurde sie erzählt, die Geschichte vom Wunderkind aus der argentinischen Industriestadt Rosario, das seine teilweise bis zu sieben Jahre älteren Gegenspieler auf den Ascheplätzen der Region austanzte. Das mit seinen Eltern aus wirtschaftlichen Gründen nach Spanien auswanderte, nach einem Probetraining eilig einen Vertrag auf einer Serviette unterschrieb und vom katalanischen Weltverein ab sofort die für den mit 13 Jahren gerade mal 1,40 Meter großen Dribbler unbedingt notwendigen Wachstumshormone finanziert bekam.


Oft wurde sie erzählt, die Geschichte vom Torjäger, vom viermaligen Weltfußballer, der vier Mal die Champions League gewann und noch dutzende weitere Titel sein Eigen nennen darf. Der im Jahr 2012 mal eben 91 Tore in 69 Spielen geschossen hat. Der mit gerade 24 Jahren zum Rekordtorschützen des FC Barcelona, mit 27 zum Rekordtorjäger der spanischen Primera Division wurde.

Oft wurde sie erzählt, die Geschichte vom globalen Superstar, der neben seinem Monstergehalt auch noch Millionen mit diversen Sponsorenverträgen verdient und es doch irgendwie immer schafft, mit der genau richtigen Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit aufzutreten. Nie arrogant, nie dekadent.

Aber all das, dein Status, deine Errungenschaften, all das ist nebensächlich, wenn man dich spielen sieht. Wenn ich daran denke, wie du Fußball spielst, kommt mir oft ein Spiel in den Sinn: Im Viertelfinale der UEFA Champions League 2009/10 verliert der FC Barcelona sein Hinspiel bei Arsenal überraschend mit 1:2. Die gesamte Fußballwelt diskutiert, ob der haushohe Titelfavorit aus dem Nordosten Spaniens bereits jetzt die Segel streichen muss.

Deine Mannschaft muss viele Verletzte (u.a. Ibrahimovic, Puyol, Iniesta) ersetzen und als Nicklas Bendtner (ja richtig, der Nicklas Bendtner) im Camp Nou auf einmal das 1:0 schießt, scheint es, als wäre alles verloren. Aber dann kommst du. 4:1 gewinnt ihr am Ende, alle vier Tore hast du geschossen, eins simpler und doch schöner als das andere.

Schaut man sich an, wie du Fußball spielst, wirkt alles so selbstverständlich. Manchmal muss man sich selbst daran erinnern, wie genial du eigentlich bist. Sich quasi selbst zur Würdigung ermahnen. Du hast Arsenal-Keeper Manuel Almunia auf unterschiedlichste Art und Weise überwunden an diesem Abend. Mit rechts, mit links, von außerhalb und innerhalb des Strafraums, mit Gewalt und mit Gefühl, per Lupfer, per Vollspannschuss, per Tunnel. Jedes Tor für sich ein kleines Meisterwerk.

So einfach deine Aktionen wirken, so effektiv sind sie. Du bist kein Joga-Bonito-Zauberer wie Ronaldinho, kein General wie Zidane, keine wuchtige Tormaschine wie Pele oder Ronaldo oder gar ein extrovertierter Superstar wie dein Landsmann Diego Maradona.

Nein, du bist vielmehr der Meister der nüchternen Brillanz, der Doppelnullagent der europäischen Strafräume. Jede voreilige Bewegung, jede Fehlstellung beim Gegner sticht dir ins Auge und wird ausgenutzt. „Gambetta“ nennt ihr das in Argentinien, auch da, wo du herkommst. Übrigens: Wenn ich mir anschaue, wer wie du aus Rosario stammt, frage ich mich schon, was man dort als Kind so zu Essen bekommt: Ever Banega, Marcelo Bielsa, Ezequiel Garay, Mauro Icardi, Angel Di Maria, Javier Mascherano, Cesar Luis Menotti. Doch du ragst heraus.

Im gesamten Weltfußball ragst du heraus. In der modernen Berichterstattung wird bei jedem Tor, bei jeder gelungenen Offensivaktion auch nach den Fehlern in der Defensive gesucht. Bei deinen Aktionen nicht. Da gibt es für die meisten nichts zu analysieren, da für den Verteidiger meistens gar nichts zu machen ist. Ob er nun Sergio Ramos, Giorgio Chiellini oder Jerome Boateng heißt: Du bist einfach besser. Besser als alle Anderen.

„Einen Spieler mit einer solchen Effizienz, einer solchen Begabung und einem solchen Erfolg gab es noch nie und wird es vielleicht nie wieder geben.“

Jetzt bist du seit 15 Jahren bei Barca. Seit elf Jahren spielst du für die erste Mannschaft. In diesen elf Jahren, die den Fußball grundlegend veränderten, hast du mit Barca neun internationale und 16 nationale Titel geholt. Wenn man ausschließlich von offiziellen, von von Fußballverbänden vergebenen Titeln ausgeht, hast in dieser Zeit 41 individuelle Auszeichnungen erhalten, zusätzlich dazu noch 14 Torjägerkanonen in verschiedensten Wettbewerben, von der U20-WM bis hin zur Champions League.

Was man oft vergisst: Du bist erst 28. Gemeinhin gilt das als das beste Fußballeralter. Selbst mir als Bewunderer läuft manchmal ein Schauer den Rücken herunter, wenn ich mir überlege, wo deine Karriere noch hinführen wird. Den fünften Weltfußballertitel wirst du kommenden Januar gewinnen, daran besteht kaum ein Zweifel. Mit dem FC Barcelona wirst du auch in den nächsten Jahren zu den Titelfavoriten in der Champions League gehören. Gemeinsam mit deinem Teamkollegen Andres Iniesta könntest du der erste Spieler werden, der seinen fünften Titel in der Königsklasse gewinnt.

Was dir noch fehlt ist ein Titel mit deiner Nationalmannschaft, mit Argentinien. 2018 in Russland könntest du Weltmeister werden, 2019 die Copa America im Land eures Erzfeindes Brasilien holen.

Fußballfans weltweit stellen dich in eine Reihe mit den großen Legenden unseres Sports: Maradona, Pele, Cruyff, Zidane. Ich kann mir vorstellen, dass es dich überhaupt nicht interessiert, wie man dich nun im Vergleich zu Fußballern, die ihre beste Zeit vor bis zu 50 Jahren hatten, einstuft.

Wenn man dich aber spielen sieht, kann man meiner Meinung nach nur zu einer Einschätzung kommen: Einen Spieler mit einer solchen Effizienz, einer solchen Begabung und einem solchen Erfolg gab es noch nie und wird es vielleicht nie wieder geben. Zieht man die rosarote Brille, mit der die Leistungen der oben Genannten oft gesehen werden, ab, dann bist du besser. Besser als jeder Andere, der jemals die Stollenschuhe geschnürt und einen Fußballplatz betreten hat.

Du bist der Beste aller Zeiten.


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1 Gedanke zu “An den besten Fußballer aller Zeiten”

  1. Ich bin auch Bewunderer des körperlichen kleinen, aber ganz großen Messi. Er ist der beste Fußballspieler aller Zeiten und das mit Abstand. Am meisten bewundere ich nicht seine Titel und Statistiken, sondern diese unglaubliche Kombination künstlerischer Genialität, natürlicher Eleganz, unfassbarer Effektivität, absoluter Fairness und nichtgespielter Bescheidenheit. Wie jedes Genie ist Messi ist ein Beweis, daß es den Schöpfer gibt – mit der Evolution ist so eine Erscheinung nicht zu erklären.

    Messi darf auf keinen Fall bloß als Fußballer wahrgenommen werden, primär ist er Künstler, der für seine Kunstwerke statt Pinsel oder Meißel den Ball braucht. Ich hoffe und glaube, das wird allgemein er- und anerkannt, und die größten Museen der Welt ihm Ausstellungen widmen, wo seine Meisterwerke ausgestellt werden. Und davon gibt es schon unzählige, und nicht nur Tore, sondern auch Pässe, Dribblings…

    Schön zu wissen, daß man zu gleicher Zeit mit Messi lebt und live sehen kann, wie seine grandiose Kunst entsteht. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

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