Clubs der kleinen Länder, vereinigt euch!

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„Man bekommt auf Reisen einen klaren Kopf“ – das wusste schon der dänische Nationaldichter Hans Christian Andersen zu berichten. Andersens Landsmann, Anders Hørsholt – Klubdirektor des FC Kopenhagen – scheint ähnlich begeistert vom Reisen zu sein, da er kürzlich vorschlug, eine europäische Liga für die dominierenden Klubs kleinerer Ligen zu gründen. Auf den ersten Blick eine sehr abstrakte Idee, und noch dazu gemäß der Statuten von UEFA und FIFA illegal. Doch es gibt auch gute Gründe, sich mit dieser Idee auseinanderzusetzen.

Grundlegende Veränderungen

Zunächst muss man anmerken, dass es sich hier um ein äußerst interessantes Gedankenexperiment handelt. Es bricht mit vielen Konventionen des Fußballs, wie wir ihn heute kennen. Beispielsweise wie diese Liga bestückt ist. Nicht mehr Nationalität entscheidet über Ligazugehörigkeit, sondern andere Gründe.

Christoph Biermann beschreibt in der aktuellen 11 Freunde grundlegende Veränderungen, die sich im Fußball anbahnen. Er beendet seinen lesenswerten Aufsatz mit der Feststellung, dass der Fußball vor einer Zeitenwende steht.


In solchen Zeiten gehört es sich, Ideen nicht von vornherein auszuschließen, sondern sie Teil des Diskurses werden zu lassen. Ziel dieses Diskurses muss es sein, einen Weg zu finden, die Schere zwischen armen und reichen Klubs zu schließen. Jeder Ansatz bringt diesen Diskurs voran. Doch welche Gründe sprechen konkret für den Zusammenschluss einiger Klubs zu einer intereuropäischen Liga?

Der feuchte Traum vieler Fußballfetischisten

Reibung erzeugt Hitze. Das hat nichts mit Fußball zu tun? Freilich hat es das. In einer solchen Liga würden sich die unterschiedlichsten Spielstile – bildlich gesprochen – aneinander reiben. Nehmen wir als Beispiel Celtic Glasgow und Ajax Amsterdam. Beides ideale Kandidaten für eine intereuropäische Liga.

Sehen wir uns die traditionellen Qualitäten der Schotten an. Defensivstärke und Kampfkraft, very british eben. Die Mannen aus Amsterdam stehen traditionell für den „Total Voetbal“. Dem wohl schönsten Spielstil, den dieses Spiel kennt.

Ein regelmäßiges Aufeinandertreffen dieser beiden Philosophien, dieser zwei großartigen Klubs, dieser zwei Mythen des europäischen Fußballs ist wohl der feuchte Traum vieler Fußballfetischisten. Ein Publikum gäbe es also sicherlich europaweit. Wie könnte man dieses Publikum nutzen?

Vereinheitlichung gewinnt

Die Einführung und der Erfolg von DAZN hat gezeigt, es gibt in Deutschland einen Markt für die Verbreitung von Fußball abseits vom linearen Sky-Abo oder gelegentlichen öffentlich-rechtlichen oder privaten Übertragungen. Würden sich die vielen Legenden des europäischen Vereinsfußballs hinter ein Marketing-Konzept und einen einheitlichen europäischen Distributionsweg stellen, so gäbe es dafür einen Markt. Warum diesen nicht nutzen? Man kann im Prinzip nur gewinnen.

Die Zukunft Europas liegt in der Hand der Fußball-Fans

Die Zukunft Europas ist in diesen Tag so ungewiss wie selten zuvor. In vielen Ländern sind Euro-Skeptiker auf dem Vormarsch, die Briten haben sich gar für einen Austritt aus der EU entschieden. Europa muss einen Diskurs darüber führen, wie man das Zusammenleben auf diesem Kontinent in Zukunft gestaltet. In jedem Fall ist es nicht verkehrt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb Europas zu stärken.

Eine Europa-Liga könnte hier durchaus ein probates Mittel sein. Selbstverständlich stellt sich dem Fußball-Traditionalisten die Frage, ob eine solche Liga Fan-verträglich ist. Tatsächlich besitzt das Konzept hier Schwächen. Auch wenn Auswärtsfahrten innerhalb eines Landes teilweise schon sehr lang sind, werden sie innerhalb Europas noch einmal deutlich länger.

Doch warum sollte die EU die Europa-Liga nicht nutzen, um die innereuropäische Infrastruktur auszubauen und die Auswärtsfahrten zu einem gewissen Teil zu subventionieren?

Eine Auswärtsfahrt ist ja im Endeffekt nur eine Klassenfahrt mit mehr Alkohol und kürzerem Aufenthalt. Und Klassenfahrten werden schließlich auch subventioniert. So würde man den Zusammenhalt innerhalb Europas sicherlich bestärken. Denn friedlich feiernde Fußballfans sind Werbung für das eigene Land. Man möge sich nur an die Isländer bei der letzten Europameisterschaft erinnern.

Sportlicher Lerneffekt

Freilich waren die Gründe bisher eher in einer Meta-Ebene zum rein Sportlichen verhaftet. Doch auch sportlich hätte diese Liga durchaus ihre Vorteile.

Erneut bietet sich Celtic Glasgow als Beispiel an. Die Saison der Schotten hat in der Champions League einen interessanten Verlauf genommen. Zunächst verloren sie gegen die Lincoln Red Imps und auch im Rückspiel taten sie sich schwerer, als man sich gegen diesen Verein tun sollte. Dann setzte es am ersten Spieltag der Champions League eine herbe 0:7-Pleite gegen den FC Barcelona.

Danach erarbeitete man sich ein 3:3 gegen Manchester City, ein Spiel das auch Celtic für sich entscheiden hätte können. Darauf folgten die Spiele gegen Borussia Mönchengladbach. Auf ein 0:2 folgte ein 1:1. Erneut sah man einen ganz deutlichen Lerneffekt. Ein neues Spielniveau erreichen mittelgroße Klubs nur, wenn sie sich ständig mit ihresgleichen messen.

Ein wichtiger Beitrag zur Debatte

Der Vorschlag des Kopenhagener Klubdirektors mag vielleicht auf den ersten Blick fremd und unwirklich erscheinen. Jedoch kann und sollte er Teil eines europäischen Diskurses über die Zukunft des Fußballs werden.

Und wer sich nun denkt, welch törichter Schreiberling ich doch bin, und wie ich wagen könne, den Fußballs so in seinen Grundfesten zu erschüttern, dem sei auch zum Abschluss dieses Textes ein Zitat von Hans Christian Andersen mit auf den Weg gegeben: „Man muss mild sein, gegen einen jungen Mann.“


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